Wenn Sie keine Zigaretten hätten | Plattenfischen
- Axel
- 13. Apr. 2022
- 8 Min. Lesezeit
Mittwoch Abend, 20:30 Uhr. Im Schein der Straßenlaterne stehe ich vor dem Kiosk in der Nebenstraße und warte. Ein eisgekühltes Bier – ja, das wäre was. Vor mir eine betagte Dame im beigefarbenen Ornat. Sie nestelt unruhig an ihrer grauen Handtasche mit goldenem Verschluss.
Ohne den Verkäufer anzuschauen fragt sie mit zittriger Stimme nach einer Schachtel Marlboro Gold. Der Verkäufer erkennt den Ernst der Situation und ist alsgleich mit einer Einheit der gewünschten Marke zu Diensten. Mit knöchernem Finger entfaltet die Dame einen 10 Euro Schein, den sie in den Tiefen ihrer Geldbörse versteckt gehalten hat und raunt mit heiserer aber dankbarer Stimme dem Kioskbetreiber die folgenden Worte durch die enge Verkaufsluke: „Junger Mann, sie sind meine Rettung. Was nur, wenn Sie keine Zigaretten hätten...“. In meinem Kopf klingelt es. Mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Bierchen wohl doch nicht vor dem Fernseher einnehmen werde, sondern vor meiner Plattenwand – bei einer neuen „Plattenfischerei“...

WENN SIE KEINE ZIGARETTEN HÄTTEN...

Wenn ich daran denke, wie die alte Dame vom Kiosk in diesen Momenten enthemmt am Filter ihrer Marlboro Gold saugt und sämtliche Sorgen, die sie noch vor wenigen Momenten plagten, Zug um Zug vergessen macht, so erscheint es mir naheliegend, zum Start meines abendlichen Auftrags das Spätwerk der Afrobeat-Legende TONY ALLEN zur Hand zu nehmen, auf dem es sich der Schlagzeuger in ähnlicher Ausgangslage auf einem gemütlichen Sitzmöbel bequem macht und sich die Last des Tages von der Seele raucht. Ähnlich entschleunigt geht auch die Musik auf „The Souce“ (2017 / Blue Note) zu Werke. Verträumt und virtuos zugleich mäandern allerfeinste Jazz-Kaskaden durch insgesamt 11 Songs und bieten auf ihrer Reise so allerlei Überraschung an – bluesige Passagen, Horn-Sequenzen, Ausflüge in die Afro-Roots Vergangenheit mit Allens Blutsbruder Fela Kuti. Ein irre spannendes, vielseitiges Meisterwerk, das vollständig analog aufgenommen wurde und über einen erstklassigen (nein, weltklassigen) Sound verfügt. So warm, wie der Zug um Zug dahinsengende Tabak von Allens Cover-Zichte. So und nicht anders muss Jazz klingen. Wohin Tony durch die rauchigen Dunstschwaden blickt und wohin seine Gedanken schweifen, das bleibt wohl auf ewig sein Geheimnis. Rund drei Jahre später verstirbt er im Peak des Coronafrühlings 2020 im Alter von 79 Jahren – nicht etwa an Covid oder Lungenkrebs, sondern an einem Aneurysma. Rest in peace, smoking world man.

Im Sinne der Gleichberechtigung wollen wir natürlich auch nicht die Frauen vergessen, die sich beim intimen Moment der Lungenschädigung für's nächste Plattencover ablichten lassen. Als Beispiel hierfür sei "Elegance" der japanischen Jazz-Vokalistin und Schauspielerin KEI MARIMURA genannt. Das Album von 1982 zeigt sie in latent lasziver Raucherpose mit wuscheligen Haaren. Im Grunde völlig konträr zu dem lieblich-virtuosen Gesang, der als tragendes Element aller 12 Stücke sämtlichen Instrumentalpossen im Hintergrund die Show stiehlt. Ein wenig schwer zu fassen ist dieses Album schon. Weder Fisch noch Fleisch würde passen. Selbst Surimi sucht man vergeblich, denn "Elegance" haftet rein gar nichts Japanisches an. Alles klingt sehr amerikanisch, manchmal sogar europäisch und ... nunja ... mit "Bei Mir Bist Du Schone" ist sogar was Deutsches mit absurdem Titel am Start. Klammert man das unfischig-unfleischige Element aus, hält man aber doch ein grundsolides Vocal-Jazz-Album in den Händen, das mit "Bewitched", dem angesprochenen German-Title-Song und "On a slow boat to China" so manch ein waschechtes Highlight bietet.

Axel wäre nicht Axel, wenn er nach so viel Feingeistigem nicht die Keule schwingt und auf den Putz haut. Es bröckelt und bröselt. Durch das staubige Loch in der Wand fallen die Raubeine von BAPHOMET'S BLOOD ein und presslufthämmern uns mit ihrem Satanic Speed Metal eine wüste Portion Frittenfett mit Abgassoße in die zuvor noch lieblich bezirzten Lauschmuscheln. Auf "Second Strike" wird auf dem Schleifpunkt Vollgas gebrettert - und würde es man nicht besser wissen, würde man Frontmann Necrovomiterror (wie süß!) tatsächlich zutrauen, dass er auf dem Coverfoto an einer Dynamitstange rumnuckelt. Ist aber nur ne schnöde Kippe ... wie uncool. Auf jeden Fall haben die vier Italiener in ihrer Pubertät ganz viel motörgeheadbangt - so viel ist sicher. Songs wie "Baphometal" und "Speed Metal Earthquake" lassen daran definitiv keinen Zweifel. Das ist urmenschlich, das ist primitiv, das ist stumpf... das ist aber auch einfach nur geil.

Vom Speed Metal fünf Gänge runterschalten auf Slow Core. Und im ersten Gang nach Brooklyn, wo in den mitternächtlichen Apartments der Hochhaussilhouetten gerade die ein oder andere Zigarette danach weggeatmet wird. Vielleicht ja auch im Penthouse von Flüsterkehlchen Greg Gonzales, dem androgynen Frontmann der Shootingstars CIGARETTES AFTER SEX? Ich ziehe mal exemplarisch das erste selbstbetitelte Album (2017) der Band aus dem Regal, an dem manch eine schöne persönliche Erinnerung hängt. Der Indie-Rock, den die Band tatsächlich als Slow Core verstanden haben möchte, wirkt wirklich wie eine Beruhigungspille. Leise atmend, mitternächtlich verträumt, sehnsüchtig flüsternd. Man könnte viele Begriffe aus dem Wortfeld "Entschleunigung" anwenden, um die Musik zu beschreiben. Hier wird nicht gerülpst und geröhrt, wie bei den bierseligen Italienern, hier regiert nicht die Tennissocke in der Fellunterhose. Hier gibt's Rollkragenpulli mit Paillettenbrosche. Reverbende Gitarren, wohlige Keyboardteppiche aus Alpakawolle, ein sich völlig zurücknehmendes Schlagzeug, das vorsichtig versucht, auf keinen Fall in die zarte, zwischen den Genderpolen mäandernde Stimme des Greg Gonzales rein zu poltern. All das sind die Zutaten, die Cigarettes after Sex jedweden Vergleichs entziehen. Eine warme Milch mit Honig, auf deren Boden sich eine Schicht Absinth abgelagert hat. Auf den ersten Blick lieblich, aber mit dem ein oder anderen berauschenden Schatten im Gepäck. Anspieltipps: "Young & Dumb" (mit seinem frivolen Text) und "Apocalypse".

Hab ich gerade frivol gesagt? Na, dann machen wir doch mit Nina Hagen weiter. Mit 8 fand ich die Dame echt gruselig, mit 18 eher peinlich, mit 28 ziemlich egal ... nunja .. und mit 38 find ich die schrille Ost-Berlinerin so ziemlich göttlich. Es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht 4 Jahre oder so, da zeigte der WDR Rockpalast einen alten Auftritt der Nina Hagen Band von '78 in der Westfalenhalle Dortmund. Ich weiß nicht warum genau, aber diese freche, unangepasste Berliner Schnauze, dieser große mit Lippenstift übermalte Mund, der sich immer wieder zu schrillen Grimassen deformiert und irrwitzige Laute und Schreie ausspeit, dazu dieser straighte Rock mit allerfeinsten Gitarrenriffs und Keyboardleads - das hat mich dann doch gepackt. Ich musste alle Vorurteile in die Spree werfen und wurde Fan. Und heute ist das erste Album der NINA HAGEN BAND für mich nichts weiter als ein einzigartiges Kunstwerk, ein überlebensgroßer Meilenstein der deutschen Rockgeschichte. Allein die A-Seite mit dem von den Tubes entlehnten "TV-Glotzer", "Auf'm Bahnhof Zoo" und der feministischen Schlachthymne "Unbeschreiblich weiblich", das ist textlich wie musikalisch einfach absoluter Feinstoff. Wie gerne wäre ich derjenige gewesen, der ihr das Feuerzeug unter die Zigarette halten durfte. Aber vermutlich, nein mit Sicherheit, hat Hagen die Zichte am Auspuff ihres Mofas allein entflammt. Unbeschreiblich weiblich halt...

Zurück zum Jazz. Dem Anschein ein sehr rauchaffines Genre. Und das gleich mit einem Doppelpack. Zunächst flutscht mir da MILES DAVIS "Sketches of Spain" in der europäischen "Nice Price" CBS-Version in die angegilbten Finger. Natürlich ein Klassiker. Ein tolles, dichtes Album mit cineastischer Atmosphäre. Vor dem inneren Auge sieht man Miles Davis im Morgengrauen über staubigen Prärieboden zum Trompetenduell schreiten. Da ertönen die Fanfaren der Kavallerie. Pferdegetrappel. Anspannung. Showdown. Das ist natürlich alles der Zusammenarbeit mit Gil Evans geschuldet, der "Sketches of Spain" als eines von vier Davis-Alben als Komponist und mithilfe eines Orchesters arrangierte und Miles gefühlvolles Trompetenspiel glorreich und im Breitbandformat in Szene setzte.
Weniger breitbandig, sondern eher zauberhaft bodenständig geht es auf ERROL GARNERs "Magician" (1974) zur Sache. Ein Jazzalbum ganz nach meinem Geschmack. Virtuos, auf den Punkt. Und dann dieses ureigene Trademark Garners, der sein Pianospiel impulsiv mit einem rauhen Mitknurren und manch anderem sonderbaren Hintergrundlaut begleitet. Und dabei wahrscheinlich ganz verträumt auf seiner Filterlosen herumkaut. Das alles ist für mich so spontan, so ehrlich, so leidenschaftlich, dass ich stundenlang zuhören könnte. Ein wirklich ganz fantastisches Spätwerk eines Pianisten, der im Wust der ganzen Jazz-Schickeria der 50er bis 70er Jahre immer sträflich unter dem Radar lief - und drei Jahre nach Veröffentlichung von "Magician" im jungen Alter von nur 56 Jahren verstarb.

Von der nächsten Platte raucht uns ein echtes Schwergewicht entgegen. Ja, auch DAVID BOWIE ließ es sich nicht nehmen, seine Vorliebe für das kleine Tabakstängli zur Schau zu stellen. Auf dem Cover von "Young Americans" (1975) gibt er sich jung, mondän, künstlerisch - wie der Hauptdarsteller eines Broadwaystücks, der nach der Generalprobe im diffusen Licht der Scheinwerfer in den noch leeren Zuschauerraum blickt, eine Zigarette ansteckt und sich sicher ist, dass die Gazetten am nächsten Morgen von einer legendären Aufführung schreiben werden. Zeitlich nimmt "Young Americans" den unbequemen Platz zwischen den übergroßen Alben "Diamond Dogs" (1974) und "Station To Station" (1976) ein und kann beiden auch musikalisch nicht ganz das Wasser reichen. Trotzdem tummeln sich auf dem hervorragend produzierten, an den Phillysound der 70er Jahre angelehnten Album gnadenlos gute Stücke, wie der Titelsong, das funkige "Fascination" oder der Albumcloser "Fame". Das Beatles Cover "Across The Universe" halte ich hingegen aber nach wie vor für überflüssig...
Und dann doch nochmal zurück zum Jazz. Denn Wes Montgomerys "A Day In The Life" (1967) - mit seinem wundervollen Aschenbecher-Panorama - kann ich an dieser Stelle kaum umbesprochen lassen. Günstiger kann man ein Plattencover wahrscheinlich kaum produzieren. Die Linse mal kurz in die ausgedrückten Zichten gehalten und fertig ist die Kunst. So unappetitlich plakativ präsentiert sich die Musik zum Glück nicht und bietet feinsten Jazz, der viel Raum für ruhige Momente bietet und den Hörer - trotz aller Virtuosität - nicht überfordert. Bei der musikalischen Umsetzung waren unter anderem Jazzgrößen wie Herbie Hancock und Ron Carter involviert, die Montgomerys gefühlvolles Gitarrenspiel gekonnt flankieren. Anspieltipp: "The Joker". Bonuspunkt: Das Beatles Cover "Eleanor Rigby".

Mit dem Corporate Design eines bekannten amerikanischen Tabakproduzenten spielt das zweite Album der britischen Prog-Rocker CAMEL, was "Mirage" (1974) mächtig Ärger einbrachte. Auf Druck des Zigarettengiganten musste das Cover für den US-Amerikanischen Markt geändert werden. Auch auf Europa nahm der mächtige Konzern Einfluss, ließ sich letztlich aber auf einen Kompromiss ein. So wurden - allerdings gegen den Willen der Band - auf der Tournee zum Album kleine Zigarettenschachteln als Gimmick verteilt, die das Cover von "Mirage" und die Trackliste zeigten. Ja, damals ging so etwas noch! Wie dem auch sei, die R.J. Reynolds Tobacco Company sollte sich eigentlich nicht beschweren, denn was Camel auf dem Nachfolger des ohnehin schon recht amtlichen Debuts abliefern, ist allerfeinstes Tabakkraut. Ein Prog-Album, wie geschaffen für den Kanon der besten 20 britischen Rockalben aller Zeiten. Für mich ist das abschließende "Lady Fantasy" nichts weiter als ein monumentales 10-Sterne-Epos, das ein Feuerwerk an tollen Melodien, spannenden Breaks und magischen Momenten abbrennt.

Zuguterletzt zur Mutter aller qualmenden Plattencover. Wenn Engel sich schon unverhohlen eine anstecken, dann ist das nicht nur allerhand, sondern im Jahr 1980 immer noch ein waschechter Skandal. Die meisten von euch wissen natürlich, was jetzt kommt. Na klar, BLACK SABBATHs neuntes Album "Heaven And Hell", einer
der großen Meilensteine in der langen Diskographie der Band aus Birmingham. Sabbath waren damals auf dem Scheideweg. Man trennte sich von Ozzy und der stimmlich in völlig anderen Fahrwassern schippernde Ronny James Dio wurde kurzerhand von Rainbow angeheuert. Eigentlich geht so etwas immer in die Hose. Nicht aber auf "Heaven And Hell", dessen Qualität und neues Melodie-Verständnis selbst die letzten Kritiker nicht kleinzureden vermochten. Zu stark sind Übersongs wie "Neon Knights", "Lady Evil" und der mächtige Titeltrack. Und das Cover, ja das ist natürlich auch der Wahnsinn. Da gammeln sie rum, die geflügelten Boten des Herrn, kloppen Karten und ziehen sich geistesabwesend ein paar Glimmstängel rein. Wie Bauarbeiter beim Pausenbierchen. Hätte Ozzy das gesehen, er hätte ihnen von hinten den Kopf abgebissen... und sämtliche Zigaretten alleine geraucht.
DIE SCHOKOZIGARETTE DANACH
Ja, an dieser Stelle wäre es ja ein Einfaches, die guten alten Schoko-Zigaretten ins Spiel zu bringen, die es in den 80ern für kleines Geld an der Bude (neuhochdeutsch: Kiosk) gab. Gibt es die Dinger überhaupt noch? Als Kind empfand ich mich immer als supercool, mit so einer Schoko-Fluppe im Mundwinkel. Das Spiel mit dem Feuer. Raucht der Kleine? Das ist doch verboten ... und dann - hahaha - die Enttarnung. Ist doch nur Schokolade. Ätsch. Tja, Schokozigaretten sind mir hier aber zu einfach. Daher denke ich ein wenig um die Ecke. Was ist denn rauchig? Klar: Whisky! Also: Eine Whisky-Schokolade soll es sein. Und da hab ich natürlich auch schon einen brandheißen Tipp für euch...

Wer generell auf die Kombination "Whisky & Schokolade" schwört, sollte mit der "Whisky Nibs 70%" des schottischen Edelschokoladen-Herstellers THE CHOCOLATE TREE mehr als glücklich werden. Hier wird nicht einfach nur Whisky in die Kakaomasse gemischt. Nein. Der Clou liegt in den mit Whisky geschwängerten Kakaosplittern (sogenannte Nibs), die in die Tafel eingestreut sind. Hierfür werden die gerösteten Kakaobohnen aufgebrochen, mit einem rauchigen Islay-Single-Malt (meinem Lieblingswhisky Laphroaig) getränkt und noch einmal schonend nachgeröstet. Da Kakao aufgrund seiner Fettstruktur Fremdaromen schnell und stark bindet, verfügen die Nibs nach dem Vorgang über eine feine subtil-rauchige Whiskynote. In Kombination mit der dunklen Schokolade aus 70% peruanischem Kakao eine ganz fantastische Kombi, die ich jedem Feinschmecker, der sich für beide Genussmittel begeistern kann, schwer ans Herz legen möchte. Danke. Jetzt darf geraucht werden...
Kommentare